12:16 am, tiergarten3000
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Schöne neue Welt revisited.

Was kaum einer vermutet: die Welthauptstadt des Fordismus liegt im alten Europa, genauer gesagt in der mährischen Walachei. Ebendort, in Zlin, hat ein wahrhaft visionärer Unternehmer anfang des letzten Jahrhunderts eine veritable industrielle Gartenstadt aus dem Boden gestampft. In diesem retrofuturistischen Wunderland an der Intercity-Strecke Wien-Warschau verbrachten wir vor kurzem ein interessantes Wochende. 

Wie es sich für eine wahrhaftige Industriestadt gehört, zeigte Zlin sich uns grau in grau im Nieselregen. Wuchtige Ziegelbauten dominieren die Silhouette, vom mittelalterlichen Stadtkern ist nicht mehr viel zu sehen. Zlin war ein Nest von 3000 Einwohnern, als der Schuhmacher Tomas Bata die industrielle Schuhproduktion einführte. Der Durchbruch war ein Auftrag für die Ausrüstung der österreichischen Armee im 1. Weltkrieg: Die Fabrik wuchs und wuchs, Arbeitskräfte mussten untergebracht und bei Laune gehalten werden.

Zusammen mit seinen Architekten Kotera und Karfik konnte Tomas Bata seine Vision einer ganz auf die Bedürfnisse der Produktion abgestimmten Stadt verwirklichen. Sein Trick: längst schon der grösste Steuerzahler der Stadt, liess er sich zum Bürgermeister wählen - nun lagen Finanzierung und Genehmigung aller öffentlichen Bauten in seiner Hand. Der rationalismo der Fabrik breitete sich über die ganze Stadt aus: Kaufhäuser, Hotels, Schulen, Wohnhochhäuser basieren auf dem selben Bauprinzip und Konstruktionsraster wie alle Fabrikationsgebäude.

Die Wohnhäuser seiner Arbeiter liess Bata als kleine 4-Zimmer-Ziegelsteinquader errichten - Abbilder der Fabrik im kleinen, im Gegensatz zu dieser aber nicht linear aufgereiht und im Grünen gelegen. Arbeiter, die nach Feierabend ihren Garten bestellen, sind zu müde für Revolutionen, wie der Patron einmal treffend bemerkte.

Im Gegensatz zu Revolten waren Paraden allerdings scheinbar an der Tagesordnung - der heutige Stadtkern ist eine Aneinanderreihung von menschenleeren Aufmarschplätzen.

Hier findet sich auch das Monument des Staatsgründers T.G. Masaryk, etwas uninspiriert ausserwinklig auf den Rasen geknallt. Das Tomas-Bata-Monument (im Hintergrund) dagegen ist im selben 6,15m-Betonraster erbaut wie die Fabrik. Dort war in einer Art Schneewittchensarg nach dem Tod des Firmengründers das Wrack seines Flugzeugs ausgestellt: Wie es sich für einen wahren Modernisten gehört, ist Bata, der Erfinder des Geschäftsflugs, eines Tages im Morgennebel am Schornstein seiner eigenen Fabrik zerschellt. Das Wetter war wahrscheinlich ähnlich wie bei unserem Besuch.

Batas Nachfolger, sein Halbbruder, machte im gleichen Stil weiter. Er lies als Firmenzentrale das erste Hochhaus Europas errichten. Rohrpost, Paternoster, begehbare Dachterrassen, alles am Start, was damals weit vorn war. Als Krönung das Chefbüro im Fahrstuhl: so konnte er in allen Abteilungen mal schnell nach dem Rechten schauen. Halfbrother is watching you.

Ziemlich grosszügiger Fahrstuhl, ein Besuch ist auf jeden Fall empfehlenswert. Weiter oben im Hochhaus trafen wir erneut auf Herrn T.G. Masaryk, diesmal in Begleitung seiner kleinen Schwester.

Mit Ende des 2. Weltkriegs wurde die Bata-Fabrik verstaatlicht, die Batas emigrierten in eine ihrer weltweit verstreuten Satellitenfabriken, die sie vorsichtshalber gegründet und nach dem erfolgreichen Vorbild Zlins auch mit Satellitenstädten ausgestattet hatten. Sie regieren das Batareich heute von London aus.

Mittlerweile werden in Zlin keine Schuhe mehr produziert. Es wird aber ewig eine Industtriestadt bleiben, nicht nur rein optisch. Der 2. Sektor absorbiert langsam, aber sicher den 1. Sektor: auch die Kühe müssen sich hier dem Regime Fords unterwerfen.

Dieser moderne Apparat wurde vor kurzem auf dem Wochenmarkt aufgestellt. T.G. Masaryk begutachtet ihn gerade. Den alten Bäuerinnen mit dem Kopftuch, die die Milch ihrer zwei mageren Kühe hier seit Jahrzehnten aus der Blechkanne verkauften, hat das letzte Stündlein geschlagen.

Wohl bekomms! Bald kommt auch der Rübenautomat.


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