
Zum jährlichen Heimaturlaub bei meinen Eltern gehört natürlich ein Besuch in dieser angenehmen Gastwirtschaft, der Waldschänke Steinkimmen. Die Anreise ist etwas umständlich (die Waldschänke ist eher dezentral gelegen, dafür aber schon von weither erkennbar), aber lohnt sich immer.
Hier ist die Welt noch in Ordnung. Die Kinder fahren Karussell oder Autoscooter, die Wirtin bringt Schnitzel und illustrierte Platten, man trinkt Haake-Beck vom Fass und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein.

Seit den Pioniertagen dieses gutgekleideten Herrn, der die Zeichen der Zeit erkannte und 1956 den Besuchern des damals höchsten Bauwerks Deutschlands zuerst einen Kiosk und kurze Zeit später eine komplette Ausflugsgaststätte in den Weg stellte - vorausschauender Geschäftssinn! visionäres Entrepreneurtum! ein Modernist im Geiste wie Tomas Bata! - hat sich hier im wesentlichen nichts verändert.
Am wenigsten die Speisekarte. Schnitzel in allen Variationen, kein Wiener Wirtshaus kann da mithalten. Schinkenbrot mit Spiegeleiern, Hawaii-Toast, die gute alte illustrierte Platte. Der eigenwillig gestaltete Spielplatz dagegen punktet mit Raketenkarussells und der Helikopterrutsche auf Baumwipfelniveau, aber er hatte auch schon mal mehr zu bieten: Meerkatzen, Nasenbären und ein putziger Ozelot erfreuten einst die kleinen Besucher, sie mussten allerdings schon vor vielen Jahren gehen (nicht die kleinen Besucher natürlich).

Heute gibt es dafür die Affenkapelle - eine echte Kuriosität, für Herrn M. leider der Ursprung jahrelanger Alpträume. Erst das Abarbeiten in düsteren, überlebengrossen Gemälden, die ich vielleicht später einmal vorstellen werde, half ihm, sein Affentrauma zu überwinden - so dachten wir zumindest. Aber auch in diesem Jahr liess er sich nicht überreden, einen Fünfer einzuwerfen und den zu einem leiernden NDW-Playback manisch musizierenden Affen zuzusehen.
Naja, vielleicht 2011.
Aus gewöhnlich gut informierten Kreisen erfuhr ich übrigens, dass der mittelprominente Schriftsteller Frank Goosen, in dessen letztem Roman eine solche Affenkapelle offensichtlich eine tragende Rolle spielt, an einer Lesung in der Waldschänke beträchtliches Interesse hat. Für die Affen ist dann ein neues Tonband geplant. Mehr davon, sobald der Vorverkauf läuft.