Spatzen und Kanonen, Science Fiction-Style.
In London fand unlängst das London Design Festival statt, ein jährliches Volksfest des guten Geschmacks sozusagen. Ein Höhepunkt dieses Karnevals ist jedes Jahr offensichtlich eine extra beauftragte Installation auf dem Trafalgar Square. Dieses Jahr durften die zwei Designer Clemens Weisshaar und Reed Kram ihrer Fantasie freien lauf lassen. Das Ergebnis ist, man kann es nicht anders sagen, ein ausserordentlich beeindruckendes Exemplar aus der Rubrik Mit-Kanonen-auf-Spatzen-Schiessen. Es beginnt ganz schlicht: der an das Internet angeschlossene Nutzer, also quasi jeder, konnte eine Textnachricht von maximal 70 Zeichen (Fasse Dich kurz, junger Freund! Nicht mal eine halbe SMS!) auf der Website www.outrace.org hinterlassen, diese wurde dann durch die Installation publiziert. Jetzt wird es interessant: Das Medium der Veröffentlichung ist ein unglaublich komplexer Aufbau, bestehend unter anderem aus acht Industrierobotern (aus der Automobilfertigung!), die jeweils mit einer Hochleistungs-LED-Leiste (aus dem Sportwagenbau!) ausgestattet sind, mit der sie wild herumwedeln und dabei in einem eleganten Font (aus der Graffiti-Szene!) die Nachricht in die Luft buchstabieren. Leider für das menschliche Auge zu langsam - man sieht lediglich sich irgendwie bedrohlich bewegende Tentakeln mit einer “Wo waren Sie gestern abend?”-Lampe an der Spitze. Nur weil ein Ring von 20 Digitalkameras (mit Langzeitbelichtung!) die Roboter filmt und ein vollautomatischer Computer die Bilder schliesslich zu einem Zeitrafferfilm zusammensetzt und auf Youtube veröffentlicht, ist es überhaupt möglich, den Text zu lesen. Leider lohnt sich das eigentlich gar nicht, denn, siehe oben, der Inhalt kann mit der Form nur in den wenigsten Fällen mithalten.
Dieser unglaubliche Aufwand an teurem Hightech-Zeug zum Verlesen banaler Schmierzettel hat mich natürlich sofort begeistert, nicht umsonst singe ich hier in letzter Zeit ein Loblied nach dem anderen auf kompromisslose Modernisten. Desungeachtet wurde meine Botschaft, die den Kern der Sache ganz gut zusammenfasst, vom Giant Robot leider ignoriert und nicht gesendet: “There is no business like monkey business!”