
Seit ich einmal für einige Wochen in Rom war, hat der Katholizismus eine große Faszination auf mich ausgeübt. Der Weihrauch, die Rituale, der ganze Barock haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Wenn man in einem katholischen Land wohnt, profitiert man ja auch als Nicht-Katholik durchaus - allein die vielen Feiertage machen so manchen Protestanten neidisch.
Ein solcher Feiertag, nämlich Allerheiligen, schenkte uns jetzt ein langes freies Wochenende, das wir in München verbracht haben. Auch dort: alles schwer katholisch. Am Ostfriedhof zum Beispiel werden extra zu Allerheiligen zusätzliche Parkplätze angelegt, inklusive Verkehrsschilder und Polizeieinweiser, um die Massen der Gläubigen zu bewältigen, die an die Gräber ihrer Vorfahren pilgern wollen. (In Favoriten, einem Wiener Gemeindebezirk, hingegen gehört laut meinem Kollegen J. zum obligatorischen Friedhofsbesuch zwingend auch der anschliessende Gang an die Würstelbude, um das Gedenken bei einer Käsekrainer und ein bis zwei Gläsern Sturm ausklingen zu lassen.) Neben den eigenen Toten gedenkt man aber natürlich auch pauschal den, wie ich jetzt gelernt habe, beinahe 7000 Heiligen und Seligen, die die katholische Kirche am Start hat. Respekt!
Zurück in Wien allerdings wurde meine Sympathie mit dem Katholizismus arg auf die Probe gestellt. Wien, seit über 90 Jahren “von den Austromarxisten beherrscht”, wie mich vor Kurzem ein freundlicher älterer Herr aus Niederösterreich aufklärte, ist natürlich nichtsdestotrotz ebenfalls voller Katholiken. Und nicht die wenigsten unter ihnen sind verbeamtet oder “pragmatisiert”, wie man hier sagt. Ein wirklich schönes Wort. Diese katholisch-austromarxistischen Staatsdiener sind aber traditionell dermaßen gläubig und familientreu, dass ihnen Allerheiligen und der als sogenannter “Brückentag” pauschal mitabgefeierte Reformationstag (was wiederum wie eine Verhöhnung der Protestanten wirkt: ihren einzigen originären Feiertag sozusagen als Zuckerl der Legion der katholischen Feiertage einzuverleiben) nicht ausreichen, um ihren religiösen Pflichten nachzukommen, und sie daher laut ewig gültigem Tarifvertrag an Allerseelen, dem Tag nach Allerheiligen, um 11 Uhr vormittags ihren Arbeitsplatz verlassen dürfen, um abermals den Friedhof zu besuchen. (Die Anwesenheit dort wird natürlich vorausgesetzt, aber nicht kontrolliert.) Da es sich auch nicht wirklich lohnt, vor 11 überhaupt zu arbeiten, bleiben die Amtsstuben an diesem Tag gleich geschlossen und es werden, soso, Fortbildungen veranstaltet.
Neulich, bei der Fortbildung.
Zu diesen Amtsstuben gehören natürlich auch die Schulen, was Herrn M. einen weiteren freien Tag bescherte und uns eine böse Überraschung, weil wir als Schulelternneulinge natürlich nicht mit sowas gerechnet hatten. Dafür durfte Herr M. für einen Tag mit ins Büro und kann sich überlegen, ob er nächstes Jahr nicht vielleicht lieber eine Fortbildung besucht.