11:55 pm, tiergarten3000
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Alles ist mit allem unterirdisch verbunden.

Vor kurzem habe ich einen schönen Vormittag in der Zukunft von vorgestern verbracht. Treffpunkt war Sonnabend früh um halb 9, und wir sahen sie schon von weitem auftauchen wie Gorillas im Nebel: die Türme von Alt-Erlaa.

Eingeladen hatte Freund N. aus München, der mit seinen Studenten angereist war, um ihnen ein paar echte Wiener Wohnbau-Ungeheuer zu zeigen, und da durfte dieses Highlight natürlich nicht fehlen: erbaut von 1976 bis 1985 als geförderter Wohnungsbau, beherbergt Alt-Erlaa heute etwa 10 000 Menschen. Für sie gibt es Schulen, Kindergärten, eine Kirche, ein Shopping-Center, Sporthallen, Polikliniken, unzählige unterirdische Hobbyräume und Vereinslokale, Freibäder auf dem Dach, Vakuum-Müllschlucker auf allen Etagen und ein eigenes Wohnblock-Fernsehen. Alles ist mit allem unterirdisch verbunden - man muss das Haus, die Stadt nie wieder verlassen. Ein Traum!

Alt-Erlaa, von Alt-Erlaa aus gesehen.

Da Alt-Erlaa eines meiner erklärten Lieblingsbauwerke in Wien ist, nahm ich N.s Einladung gern an, seine Reisegruppe zu begleiten. Ein schmieriger Hausmeister im Stuntman Mike-Outfit führte durch die Anlage und versuchte, uns die Utopien von vorgestern als den heißen Scheiß von übermorgen zu verkaufen. Ohne Orwell-Klischees kommt man dabei nicht aus: Es gibt eine elektronische Schließanlage, die alle Zugänge kontrolliert, alle Gänge, Schwimmbäder, Tiefgaragen usw. sind rund um die Uhr kameraüberwacht, mit der Türsprechanlage kann man jederzeit (kostenlos) alle 3000 Nachbarwohnungen tyrannisieren, die sympathischen Hausmeister stehen twentyfour/seven zur Verfügung, und das Wohnblockfernsehen läuft 24 Stunden am Tag in allen Wohnzimmern überträgt jedes erdenkliche Bewohnerfest in alle Wohnzimmer. Da kann man dann seinem Etagennachbarn beim Besäufnis auf dem Oktoberfest im Shopping-Center beobachten.

Links Penthouse, rechts Pool.

Bei soviel Überwachungsstaat im Staate nimmt es nicht Wunder, dass die Kriminalität in Alt-Erlaa laut Stuntman Mike gleich Null ist und Vandalismus faktisch nicht vorkommt. “Ausser natürlich die Gewalt hinter verschlossener Wohnungstür”, kam aber sogleich als Nachsatz, und man konnte die Bürgerwehr förmlich sehen, die in seiner Wunschvorstellung in die Appartments einreitet und mißhandelte Ehefrauen rächt. Passend dazu posiert Harry Glück, der visionäre Architekt der Anlage, auf seiner Website mit seinem niedlichen Kampfhund. Diese schräge Allianz aus betäubend luxuriösem Volksheim und lückenloser Überwachung ist andererseits kein Wunder, stammt doch die Konzeption der Anlage aus einer Epoche, die so schöne Filme wie “THX 1138”, “Clockwork Orange” oder “Welt am Draht” hervorbrachte. Deren Ästhetik und Gesellschaftsbild sich hier in vielen Aspekten wiederfinden - ein Paradies für Paranoiker.

Stuntman Mike bediente aber auch gerne andere Klischees - so erzählte er begeistert von den Müttern, die bei jedem Wetter mit dem Nachwuchs der ganzen Etage die tiptop gepflegten und keimfrei geputzten, also sauberen und sicheren Indoor-Spielplätze besuchen, um ihren Nachbarinnen für einen Frisörbesuch im Shopping-Center den Rücken freizuhalten, während die Männer das Geld verdienen, sicherlich ohne auf dem Weg zur Arbeit auch nur einmal ans Tageslicht zu kommen.

Der Innenhof zur Rush-Hour.

Deshalb waren die Aussenanlagen (die Türme von Alt-Erlaa stehen, wie es sich für eine solche sozialdemokratische Dystopie gehört, natürlich in einer sauber funktionsgetrennten und autofreien Grünanlage: alle Verkehrserschliessungen sowie Ver- und Entsorgungen geschehen unterirdisch über die zentrale Tiefgarageneinfahrt, die wahrscheinlich einem Autobahntunnel aus den Siebzigern ähnelt) auch so gepflegt, aber menschenleer - keiner der 10 000 kommt auch nur auf die Idee, mal nach draussen zu gehen. Aber was kann man da schon groß tun, was man nicht auch drinnen erledigen könnte? Vielleicht zur Abwechslung mal ein Graffiti anbringen.

Stencil, Alt-Erlaa Style.

Später kamen wir dann zum Höhepunkt der Besichtigung: Einer der legendären Dachpools wurde für uns geöffnet. Leider hatte (November!) keiner von uns Badesachen dabei. Die Aussicht war dafür beeindruckend. Wie ein Dinosaurier überragt Alt-Erlaa alles übrige in seiner Umgebung, dem eher deprimierenden 23. Wiener Gemeindebezirk. Urban sprawl wie aus dem Lehrbuch, soweit das Auge reicht. Und es reicht nicht weit an einem diesigen Tag wie heute. Wohnt man allerdings im mittleren der drei Riegel, sieht man vermutlich nur noch Alt-Erlaa, egal wie das Wetter ist.

Bin ich aufm Sonnendeck.

Die Wohnungen (in allen Riegeln) sind äusserst begehrt: Es gibt angeblich nie Leerstand hier. Wer einmal in Alt-Erlaa wohnt, will nie wieder weg - manche Familien wohnen schon in der 3. Generation dort. (Auch Stuntman Mike sprach diesen, Aussenstehenden nur schwer verständlichen, Wohnpark-Dialekt.) Und die Wohnungen haben ja auch durchaus etwas zu bieten, 70er Style: unten hat man riesige Terrassen mit absurd grossen Pflanztrögen, die den Park in die Vertikale verlängern, oben eine unverbaubare Fernsicht.

Grünblick für Brutalisten.

Was man in den Wohnungen und der Sicherheitstechnik verpulvert hat, hat man allerdings an der Erschliessung gespart - die Zugänge sind klaustrophobisch niedrig und dunkel, noch dazu alle paar Meter von Hochsicherheitstüren versperrt, die nur mit dem Code geöffnet werden können. Auch wenn ich vermute, dass der Grund für die angeblich über 90-prozentige Nutzerzufriedenheit weniger die Qualität der Wohnungen oder Gänge als das All-Inclusive-Gefühl und die in meinen Augen teuer erkaufte Sicherheit ist. Besichtigen konnten wir am Ende keine der Wohnungen - die Bewohner sind Fremden gegenüber wahrscheinlich eher misstrauisch.

Um das ganze besser im Kontext verstehen zu können, fuhren wir anschliessend weiter ins Kabelwerk, ein städtebaulich desaströses Neubaugebiet 2 U-Bahnstationen entfernt, das aber wie Alt-Erlaa mit einem Pool auf dem Dach aufwarten kann.

Unser Begleiter Zatopek entschied sich nach Prüfung der Temperatur dann doch gegen ein Bad, genoss aber, dass die Architekten hier auf dem Dach statt Kunstrasen echtes Grün verlegt haben.

Was mir von diesem Alt-Erlaa-Besuch bleibt, ist Desillusionierung. Städtebaulich und im Hinblick auf seine skulpturale Qualität finde ich die Anlage weiterhin äusserst gelungen, aber dass im Innern der Große Bruder regiert, macht mich schaudern. Von meinem Wunsch dort mal eine Wohnung zu beziehen bin ich jetzt geheilt, aber offensichtlich gibt es ja auch so genug Leute, die weniger zimperlich sind als ich. Immerhin ist Stuntman Mikes Karre in der Tiefgarage sicher aufgehoben.


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  1. tiergarten3000 posted this