
Neulich, im Briefmarkengeschäft meines Vertrauens: großer Bahnhof für Hedy Lamarr, eine der aussergewöhnlichsten Frauen, die Österreich je hervorgebracht hat. Hollywoodstar, Spionin, Erfinderin. Ohne sie gäbe es weder Torpedos noch Mobiltelefone. Aber der Reihe nach.
Hedy wurde 1914 als Hedwig Kiesler in Wien geboren. Vater Bankdirektor, Mutter Konzertpianistin - da stand einer künstlerischen Laufbahn keiner im Wege. Schon mit 18 spielte sie mit Heinz Rühmann und Hans Moser, und mit 19 produzierte sie einen veritablen Skandal: in dem tschechischen Film “Symphonie der Liebe” hatte sie eine zehnminütige Nacktszene. 1933 ein ziemlicher Fauxpas. Noch im gleichen Jahr verheirateten ihre geschockten Eltern sie an den austrofaschistischen Waffenproduzenten Fritz Mandl, der ihr kurzerhand das Filmen verbot und sie laut Wikipedia auf seinem Landsitz “wie eine Gefangene” hielt. Hiess wohl, er hat den Film gesehen und wollte sie für sich allein. Immerhin war Hedy seine Tischdame bei Arbeitsessen mit Hitler, Mussolini und anderen Erzbösewichtern. (Schönes Detail: Mandls Landsitz diente später als Kulisse für den unsäglichen Musicalfilm “The Sound of Music”.)
Nach 4 Jahren bei Mandl konnte Hedy auf dramatische Weise entkommen: Sie engagierte ein Hausmädchen, das ihr selbst zum Verwechseln ähnlich sah, betäubte es, legte es in ihr eigenes Bett und floh in Mädchenuniform durch den Dienstboteneingang. Die Flucht führte sie über Frankreich und England in die USA. Noch auf dem Schiff über den Atlantik bekam sie einen Filmvertrag bei Metro-Goldwyn-Mayer, wo ihr der Künstlername Hedy Lamarr umgehängt wurde: Der Name Hedy Kiesler war der MGM wegen “Symphonie der Liebe”, der in den USA nur zensiert gezeigt werden durfte, zu heiss und stand dem Plan im Wege, Hedy zur “schönsten Frau der Welt” aufzubauen und an ihrer Karriere zu verdienen. Teil eins des Plans funktionierte: Tout Hollywood kopierte ihren Mittelscheitel, ihre filmischen Leistungen konnten leider mit ihrem Ruhm kaum mithalten. 1958 beendete sie ihre Filmlaufbahn, ihr grösster Erfolg war der Monumental-Sandalenfilm “Samson und Delilah”.
Interessanter als ihre Filme sind Hedys Nebenbeschäftigungen: Zusammen mit dem Komponisten George Antheil arbeitete sie an einer Steuerung, um 16 mechanische Klaviere für eine von Antheils Kompositionen zu synchronisieren. Es stellte sich heraus, dass das Ergebnis der Forschungen durchaus auch anders nutzbar war: 1942 liessen die beiden sich ihre doppelte Lochkartensteuerung als abhörsichere Funkfernsteuerung für Torpedos patentieren. Und die selbe Technik steckt heute in jedem Handy: Als “zeitgleiches Frequenzsprungverfahren” steuert sie digitale Mobilfunknetze und Bluetooth-Verbindungen. Wau. Und alles nur dank der schönsten Frau der Welt.

Zu allem Überfluss wird im Internet auch noch gerne angedeutet (aber nirgends weiter belegt), dass Hedy als Spionin gegen die Nazis gearbeitet hat. Wahrscheinlich hat sie die Tischgespräche bei Mandls weitergegeben. Ebensowenig lässt sich in Erfahrung bringen, woher zum Teufel sie eigentlich ihre Elektrotechnik-Kenntnisse hatte. Nach dem Ende ihrer Filmkarriere fiel sie dagegen eher durch einen zurückgezogenen, aber bizarren Lebenswandel auf, mehrfachen Ladendiebstahl involvierend und Kontakt zur Aussenwelt lediglich übers Telefon. Traurig, aber jedenfalls konsequent. Nachdem sie im Januar 2000 in Florida starb, wurde ihre Asche auf ihren Wunsch im Wienerwald verstreut. Insgesamt genug Stoff für einen schönen Film, zumindest für eine schöne Briefmarke.
Ich werde mir jedenfalls nachher “Symphonie der Liebe” anschauen. Auf meinem neuen Mobiltelefon natürlich, über Bluetooth.
