
Freitag fand er endlich statt, der lange geplante Büroausflug. Thema: unsere Neubauten der letzten Zeit in der näheren Umgebung anschauen. Erstes Ziel war das Niederösterreichhaus in Krems (im Bürojargon “NHK” genannt), es blieb auch unser einziges, da die Tour nach NHK und Mittagessen wegen Unwetters kurzerhand abgebrochen wurde. Das Niederösterreichhaus ist der Sitz der Bezirkshauptmannschaft (für die deutschen Leser: der Bezirksregierung) vom Bezirk Krems und ihrer Ämter und schmiegt sich sehr schön in die Altstadt von Krems, Perle der Wachau.
Oberirdisch gibt es hier, was man von einer Bezirkshauptmannschaft eben so erwartet: Büros, Teeküchen, Beamte in kurzärmeligen Hemden mit Schlips (bei langärmeligen Hemden würden sie bestimmt auch Ellenbogenschoner tragen) und den obligatorischen Wappensaal.

Wappen von St. Leonhard am Hw.: Zwei Krokodile grillen sich ein Baguette.
Aber in Österreich herrscht immer noch Kalter Krieg, und so wie hier jede Wohnung laut Notkaminverordnung mit einem Notkamin auszustatten ist, ist auch jede Bezirkshauptmannschaft mit einem unterirdischen War Room zu versehen, und dieser war natürlich der absolute Tiefpunkt, pardon: Höhepunkt der Tour. Er dient ganz im Ernst im Kriegsfall der Elite des Regierungsbezirks als unterirdische Kommandozentrale, was natürlich sofort Assoziationen an “Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben” und ähnliche Systemkonfliktmemorabilia weckt.
Versteckt hinter der Asservatenkammer und dem Abstellraum der “Abteilung Katastrophen” betritt man ihn stilecht durch eine zentimeterdicke Stahltür, die innen mit diversesten hermetischen Verschlussmechanismen ausgestattet ist. Dahinter als erstes die Dekontaminierungsdusche, dann rechts überraschend luxuriöse Toiletten: ich hatte eher so das Eimerprinzip vermutet - eine Wasserspülung und ganz konventionell angeschlossene Abflüsse scheinen mir das Autarkieprinzip zu untergraben. Da muss ich mit dem Kollegen, der das geplant hat, nochmal ein ernstes Wort reden.

Der “echte” War Room aus Dr. Strangelove, den meine Kollegen eigentlich nachbauen wollten. Leider reichte der Platz nicht, weil beim Ausheben der Baugrube Überreste einer historischen Stadtmauer gefunden wurden.
Links dann die Wohnküche (rundum Sichtbeton, leider ziemlich wenig Fenster) und dahinter der Kommandoraum. Leider nicht so eindrucksvoll wie bei Ken Adam, deshalb war ich nicht mal animiert, Fotos zu machen. Immerhin gab es ein Telefon, ganz klassisch mit Kabeln dran - damit keiner im Ernstfall vergessen kann, die Akkus aufzufüllen.
Interessanter war dann der Serviceflügel: Es gibt tatsächlich den legendären Kurbelfilter, um auch bei Stromausfall in Handarbeit Aussenluft zur Reinigung durch einen Kubikmeter Sand zu pumpen.

Man beachte die Markierungen in Nachtleuchtfarbe, damit man sich im Dunkeln nicht lädiert oder beim Kurbeln den Janker zerreißt.

Der Schlafsaal nimmt sich ziemlich bescheiden aus - aber solange immer einige kurbeln und andere konferieren, reicht der Platz aus für die verbliebene Elite des Bezirks Krems. Die Beleuchtung könnte etwas romantischer sein.

Die Vorräte sind dagegen echt unter aller Würde. Statt Torten wie bei Kubrick gibt es hier nur eingeschweissten Pumpernickel, Müsli “Schweizer Art” mit Milchpulver und ähnliches mehr. Immerhin 5x Notration BP-5, das einzige, was halbwegs lecker klingt. Wird dann unter allen Anwesenden verlost.

Nicht ganz krisenfest ist diese Batterie leerer Kanister. Schätze, im Ernstfall werden bei den örtlichen Winzern einige Hektoliter “gemischter Satz” konfisziert und hier eingelagert, um das Bunkerdasein erträglich zu machen.

Wenn das Bunkerdasein dann endgültig unerträglich wird, findet man auf diesem Wandtableau die Ultima Ratio aus dem Hause Krobath, um das Leiden zu verkürzen sich seinen Weg ins Freie durch meterdicke Betonwände und die Trümmer des Niederösterreichhauses zu graben. Viel Spass!

Ein Schnappschuss des sympathischen Hausmeisters, der uns durchs Gebäude führte. Vielen Dank!