Zu Besuch in der DDR, Abschnitt Süd.

Es ist der 19. Juni 1972, Fidel Castro besucht die Deutsche Demokratische Republik. Nach dem Austausch von Höflichkeiten und kleineren Gastgeschenken (Zigarren gegen Meißner Porzellan, praktisch verpackt in einem Automobil der Marke Trabant) kommt man zur Sache: Honecker verkauft den Kubanern 6% der Weltmarktkontingente an der Weißzuckerproduktion aus dem Besitz der VEB Nordsternzuckerwerke Halle. Im Gegenzug erhält die DDR einen Teil der Inselkette Cayos Blancos del Sur. Obiges Bild zeigt den freundschaftlichen Abschluss der Verhandlungen: die starke Hand des Lider Maximo deutet auf die neuerworbene Insel, der Staatsratsvorsitzende H. träumt bereits davon, die Frau im graugeblümten Kleid neben sich gegen eine lächelnde Bikinischönheit einzutauschen.
Das Eiland wird zu Ehren der neuen Besitzer in “Cayo Ernesto Thaelmann” umbenannt, und anlässlich des 28. Todestages des Namenspatrons wird am 18. August desselben Jahres auf der “Playa RDA” unter Anwesenheit des DDR-Botschafters, 100 kubanischen Teilnehmern der Weltfestspiele 1973 und der Besatzung der MS J.G. Fichte feierlich eine Thälmann-Büste enthüllt.

“Tatsächlich waren es Fischereibarkassen, die im Spätsommer 1972 hinaus zur Thälmann-Insel fuhren. An Bord DDR-Botschaftsrat Gerhard Witten mit kleinem Strohhut, ein DRR-Handelsattaché und der Offizier zur See Manfred Sawitzki vom deutschen Schulungsschiff “Gottlieb Fichte” mit seiner Super-8-Kamera. Seine Bilder zeigen lauter fröhliche, hübsche Kubanerinnen. Der Handelsattaché, schwer seekrank, liegt wie ein Toter auf Deck. Der Botschaftsrat fällt beim Aussteigen ins Wasser und muss erst mal sein Hemd an einem Baum trocknen. Aber dann: eine stolze, viele Meter hohe und strahlend weiße Thälmann-Büste. Entschlossen schaut der Betontitan über die jubelnde Menge nach Süden aufs Meer hinaus.” (taz, 16.10.2004)
Aber damit geht der Trubel erst los: schon 1975 besuchen Frank Schöbel und Aurora Lacasa, die Ike & Tina Turner der DDR, die ansonsten unbewohnte Insel, um dort das Lied “Insel im Golf von Cazzones” für eine Sendung des DDR-Fernsehens aufzunehmen und damit den Ruhm des Cayo zu mehren.
Hier verlieren sich zunächst die Spuren dieses südlichen Aussenpostens der DDR, aber große Pläne sind zu vermuten: Auf der immerhin 15 km langen und mit traumhaften Stränden gesegneten Insel konnte man so einige grosszügige FDGB-Heime errichten, die J.G. Fichte hätte den Liniendienst Rostock-Cayo Ernesto Thaelmann übernommen. Im “Atlas der Erdkunde für die 6. bis 11. Klasse” aus der VEB Hermann Haack Geographisch-Kartographischen Anstalt Gotha, Auflage 1990, ist die Thälmann-Insel immerhin noch eingezeichnet (S.99, Karte 1, B1). Es fehlt lediglich die Strichellinie nach Rostock. Aber die Mühlen der Planung mahlen langsam, und ehe man sich versah, war die DDR Geschichte und noch viel mehr der FDGB.
Da das Beitrittsgebiet des Einheitsvertrags südlich von Sonneberg endete, ist der Cayo Ernesto Thaelmann aber formell weiterhin Staatsgebiet der DDR, der verbliebene Reststaat sozusagen. Leider ist die Anreise nicht direkt einfach und der Aufenthalt ohne FDGB-Heim natürlich auch nicht sehr lustig. Nicht mal einen Cuba Libre mit Club-Cola wird man dort bekommen. Und seit der Hurrikan Mitch 1998 die halbe Insel verwüstet und dabei die Thälmann-Statue umgeweht hat, sind hier wohl endgültig nur noch Traurige Tropen zu erwarten. Schade. Hasta la victoria, Ernesto!