
Gelegentlich besuche ich die Stadtteilbücherei nahe unserer alten Wohnung. Sie versteckt sich in einer absurden Mini-Megastruktur aus den frühen 80er Jahren: Amtsgericht, städtische Musikschule, Einkaufszentrum, Kindergarten, Postamt, Bücherei, Sozialwohnungen - alles unter einem Dach. Die unglaublich vielen leerstehenden Geschäfte in der Umgebung lassen vermuten, dass dieses gutgemeinte Zeugnis gebauter Sozialdemokratie dem Viertel schon vor langer Zeit den Todesstoß versetzt hat.
Aber wenn man den Weg in die Bücherei gefunden hat (durchs Gemeindebau-Treppenhaus, dann über die kleine Brücke, dann durch die unscheinbare Tür), erwartet einen eine Überraschung: Die betont uncoolen älteren Herren, die hier arbeiten (die einzige Bibliothek, die ich kenne, in der ausschliesslich Männer arbeiten!), pflegen unter anderem eine erstaunlich gut sortierte Comic-Abteilung für Erwachsene. Hier kann man (wenn man nicht gerade 2 Kinder dabei hat) stundenlang stöbern und kleine Schätze entdecken. Dieses Mal war es “Tokyo Sanpo”, von einem mir bisher unbekannten französischen Zeichner namens Florent Chavouet. Genau genommen eigentlich gar kein Comic, sondern eine Art Skizzenbuch von einem längeren Japan-Aufenthalt.
Der beneidenswerte Autor hat seine Freundin für ein Semester nach Tokio begleitet und sich dort - mangels Aufgabe - einfach durch die Stadt treiben lassen. Ausgerüstet mit Klappstuhl, Skizzenblock und Buntstiften! Mutmaßlich der 200-Euro-Albrecht-Dürer-deLuxe-Buntstiftkoffer von Faber-Castell.
Die Bilder, die dabei entstanden sind, sind faszinierende Beiläufigkeiten - Blicke aus Cafes, Strassenmobiliar, aber auch Schokoladenpackungen, Taxis, Werbeplakate und immer wieder kleine Portraits von Passanten. (Ich frage mich, ob er all das in dieser Perfektion vor Ort gezeichnet hat, oder Skizzen später ausgearbeitet.) Alles in wunderschönen, atmosphärischen Buntstiftzeichnungen. 
Das ganze ist wie ein subjektiver Stadtführer, fast nur aus Bildern bestehend, aufgebaut, nach Stadtvierteln geordnet und mit kleinen Stadtplänen (ebenfalls in Buntstift) versehen. Paradoxerweise geschrieben bzw. gezeichnet von einem, der die Stadt, die er beschreibt, gar nicht kennt - vermutlich nicht einmal die Sprache, respektive Schrift. Umso unvoreingenommener und grafischer hat er alles, was ihm irgendwie interessant erschien, verewigt. Man entdeckt das alltägliche Tokio durch sein Skizzenbuch: Der Flaneur auf dem Klappstuhl. Da wiegt es nicht schwer, dass das ganze Buch - quasi unübersetzbar - nur auf französisch erhältlich ist. Mich hat es umgehauen. Kauft es!
Morgen buche ich 1. den Volkshochschulkurs “Buntstiftzeichnen nach der Natur”, 2. den Flug nach Tokio.