11:34 pm, tiergarten3000
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Trouble im Lotte-Lenya-Abstandsgrün

Wer schon einmal in Wien war, weiss, dass hier aber auch jede hinterletzte lächerliche Grünfläche eingezäunt und “Park” genannt wird. Mit Vorliebe werden diese Parks dann nach irgendwelchen toten Prominenten benannt. Besonders perfide ist die Strategie, einen nicht recht wohl gelittenen (weil unbequemen/nicht kaisertreuen/kommunistischen/usw.usf.) Prominenten posthum mit einer ausgemacht hässlichen Grünfläche zu beleidigen.

Dieses Schicksal muss auch auf ewig die grosse Schauspielerin Lotte Lenya ertragen, nach der ein besonders struppiger Mittelstreifen im 14. Bezirk benannt wurde.

Zwei vergilbte Grasflächen mit mickrigen Bäumen vor einem Luxus-Fittnessstudio in einer alten backsteinernen Fabrik (Achtung: Gentrifizierungsalarm?) werden durch eine baufällige Treppe voneinander getrennt. Trauriger und einziger Höhepunkt: Die Problemstoff-Sammelstelle in einem angemalten Container, 3x die Woche geöffnet.

In diesem für deprimierende Sozialdramen idealen Setting beobachtete ich neulich folgende ergreifende Szene:

Migrant 1 betritt die Bühne, in der Hand eine Papiertüte. Beginnt, aus dieser Stücke von einer Semmel (oder einem Döner) abzureissen und damit die anwesenden Tauben zu füttern.

Arbeitsloser Hundebesitzer tätowiert, mit Kampfhund an der Leine (Achtung! Hundeführerschein für dieses Modell bald verpflichtend!) kommt die Treppe herauf und beginnt, wild gestikulierend auf Migrant 1 einzureden.Von weitem ist nur das Wort “Ratten” ab und zu zuverstehen, weil laut und überdeutlich ausgesprochen, so wie man mit einem kleinen Kind oder einem Tauben redet: “blablabla RATTEN blablabla. blabla RATTEN blabla.R-A-T-T-E-N!!”

Migrant 1 zieht sich verschüchtert hinter parkende Autos zurück, um das weitere geschehen zu beobachten.

Migrant 2, muskulöser als Migrant 1 und mit Jogginghose, Unterhemd und Goldketten bekleidet tritt auf. Kommt mutmaßlich aus dem Fittnesstudio. Er hält in der Hand ein volles Paket Toastbrot, das er nun scheibenweise zerkrümelt und auf dem Boden verteilt. Die Tauben lassen nicht lange auf sich warten.

Arbeitsloser Hundebesitzer wendet sich erbost Migrant 2 zu und startet erneut sein Rattenprogramm. Die Tauben bringen sich lieber in Sicherheit.

Migrant 2 grinst den Hundebesitzer herausfordernd an und verteilt weiter sein Toastbrot. Zuerst unbemerkt von seinem Herrchen beginnt der Kampfhund mit wachsender Begeisterung, das herumliegende Brot zu fressen.

Arbeitsloser Hundebesitzer bemerkt das Fehlverhalten, sieht seine (nie vorhanden gewesene) Autorität endgültig schwinden, beendet den Rattenmonolog und sucht schleunigst das Weite, Hasso am Würgehalsband hinter sich herschleifend.

Migrant 1 kommt wieder zwischen den parkenden Autos hervor und setzt die Fütterung fort.

Dämmerung setzt ein. Als es ganz dunkel ist, beleuchtet ein Spot folgendes Schild am Bühnenrand, dann Vorhang und tosender Applaus.


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