11:46 pm, tiergarten3000
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Espaco 1999

Teil 2 - Morgen wird wie heute sein.

Er drückte den Exit-Knopf und schloß erneut seine Augen. Langsam verlies ihn das Schweregefühl, als die Rotation aufhörte; ein doppelter Gongschlag ertönte, und das rote Warnlicht flammte auf. Die Tür befand sich wieder in der richtigen Position, so daß er aufschließen konnte. Er trat in die Kabine hinaus; die Schwerelosigkeit war längst keine Neuigkeit mehr für ihn, und mit Hilfe seiner Velcro-Haftschuhe war er imstande, auf dem Saugteppich fast normal zu gehen.


Obwohl er auf seinem Sitz blieb und las, gab es doch viele Möglichkeiten, die Zeit totzuschlagen. Wenn er von den offiziellen Berichten und Memoranden genug hatte, steckte er den Kontakt des Nachrichtenschirms in die Steckdose, die ihn mit dem Informationsstromkreis des Schiffs verband.

Nacheinander konnte er jetzt die wichtigsten elektronischen Zeitungen der Welt Revue passieren lassen; er kannte die Codes von denen, die er zu lesen pflegte, auswendig und hatte es nicht nötig, die Liste zu Rate zu ziehen, die sich auf der Rückseite des Schirms befand. Erst überflog er die Titelseiten, auf denen sämtliche im Innern enthaltenen Artikel in Form von Schlagzeilen vermerkt waren und notierte die, welche ihn interessierten. Jeder Artikel hatte eine zweistellige Referenznummer, und wenn er diese beiden Ziffern auf einer Tastatür drückte, erschien er auf dem Schirm als ein briefmarkengroßes Rechteck, das sich schnell vergrößerte, bis er die gesamte Fläche ausfüllte und sich bequem Lesen ließ. Wenn er den Artikel beendet hatte, stellte er wieder eine Titelseite ein und wählte ein neues Thema zur sorgfältigen Lektüre.

Manchmal fragte sich Floyd, ob dieser Apparat mit seiner phantastischen Technik die letzte menschliche Errungenschaft auf dem Gebiet der Nachrichtenübermittlung sei. Er befand sich im Weltraum und entfernte sich mit einer Geschwindigkeit von Tausenden Stundenkilometern von der Erde. Doch in Bruchteilen von Sekunden konnte er jeden beliebigen Zeitungsartikel lesen. Der Text wurde von Stunde zu Stunde ausgewechelt, und selbst wenn einer nur Englisch verstand, konnte er sein ganzes Leben lang damit verbringen, den ständigen Informationsstrom der Nachrichtensatelliten zu verfolgen.
Man konnte sich schwer vorstellen, daß das System verbessert werden könnte. Aber früher oder später, meinte er, würde es trotz allem veraltet sein und durch etwas Neues und so Unvorstellbares ersetzt werden, wie dieser Nachrichtenschirm dem alten Gutenberg erschienen wäre.
Das Lesen der winzigen elektronischen Schlagzeilen ließ noch einen anderen Gedanken in ihm wach werden. Je wunderbarer die Kommunikationsmittel wurden, um so banaler der von ihnen übermittelte Inhalt. Unfälle, Verbrechen, Naturkatastrophen, Kriegsdrohung und pessimistische Leitartikel schienen immernoch der Hauptinhalt der Millionen Wörter zu sein, die in den Äther gesendet wurden. Aber er fragte sich auch, ob das zu verwerfen war. Die Zeitungen idealer Welten, fand er, müßten entsetzlich langweilig sein.

Von Zeit zu Zeit kamen der Kapitän und die anderen Besatzungsmitglieder in die Kabine und plauderten mit ihm. Sie behandelten ihren distinguierten Passagiermit großem Respekt und brannten zweifellos vor Neugier, etwas über seine Mission zu erfahren, aber sie waren viel zu höflich, um indiskrete Fragen zu stellen.

Nur die kleine entzückende Stewardeß war in seiner Gegenwart völlig ungezwungen. Floyd erfuhr, daß sie aus Bali stammte; und sie brachte in diese Regionen jenseits der Atmosphäre etwas von der geheimnisvollen Grazie ihrer immer noch von der modernen Zivilisation wenig heimgesuchten Insel.Eine der seltsamsten und reizendsten Erinnerungen an diese Reise war ihre Null-g-Darbietung einiger klassischer balinesischer Tanzbewegungen gegen den Hintergrund des blaugrünen Halbmonds der entschwindenden Erde.   

Aus: Arthur C. Clarke: 2001. Odyssee im Weltraum, 1969, S. 50-51

Die Illustrationen stammen aus der Bilderserie “Espaco 1999”, die Frau G. mir freundlicherweise von einem Flohmarkt in Lissabon mitgebracht hat.

Fortsetzung folgt.

Zuvor auf fernen Planeten: Folge1


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